PRAXIS FÜR PSYCHOTHERAPIE & ENTSPANNUNGSVERFAHREN

TSM   TINNITUS SELBST MANAGEMENT  

  Hannelore Neubert-Klaus   


 
 
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Tinnitustherapie

TSM Konzept  

Psychologische Grundlagen der modernen Tinnitusbehandlung  

Man kann die Augen schließen, wenn man müde ist oder etwas nicht mehr sehen will. Das Hören aber kann man nicht abstellen.                

Ursachen für die Ohrgeräusche

Tinnitus ist keine Krankheit. Tinnitus steht für eine Störung des Hörsystems bzw. für ein Symptom unterschiedlicher zu Grunde liegender Störungen  Die organischen und psychischen Ursachen für die Ohrgeräusche können vielfältig sein. Tinnitus wird meist vom peripheren Hörsinn (Innenohr und Hörnerv) infolge einer Schädigung der Haarzellen und gelegentlich auch von zentralen Abschnitten der Hirnbahn verursacht. Tinnitus kann u. a. durch Hörsturz, Innenohrerkrankungen, durch Herz-Kreisauf –und Stoffwechselerkrankungen, Tumore, Altersschwerhörigkeit, Lärmschädigungen ebenso wie durch Erkrankungen im Bereich der Halswirbelsäule, der Kieferorgane, aber auch durch  Stress und psychische Störungen hervorgerufen oder verstärkt werden. Tinnitus wird in der Regel  subjektiv wahrgenommen,  d. h. nur die Betroffenen können ihr Ohrgeräusch hören (  Folge   à Verunsicherung, Rechtfertigung, Verleugnung bei Betroffenen; vielfacher Arztwechsel, Rückzug, …..). Trotz intensiver Diagnostik lässt sich in vielen Fällen keine sichere Ursache erkennen. Manchmal lassen sich kausale Zusammenhänge zu Belastungen und Lebenskrisen feststellen. 

Unser Gehirn filtert, wählt aus, bewertet und verknüpft die Höreindrücke

Ob und wie der Tinnitus wahrgenommen wird   - leise, laut oder als störend erlebt wird  -  dafür ist letztendlich  das Bewusstsein (Denken) in Bereichen der Hörrinde mit seinen Verbindungen zum limbischen System des Gehirns (Gefühle) und vegetativen Nervensystems (körperliche Reaktionen wie z.B. Empfindlichkeit, Schlafstörung, ….) sowie das individuelle Verhalten, die inneren Verarbeitungsmuster (Anpassung, Rückzug …) und die persönlichen Einstellungen verantwortlich.

Man geht heutzutage davon aus, dass körperliche und seelische Aspekte an der Wahrnehmung der Ohrgeräusche beteiligt sind. Oft bringt aber erst eine eingehende Analyse der Lebensumstände die Ursache oder den Auslöser für Tinnitus ans Tageslicht.

Die Erstversorgung bei akutem Tinnitus erfolgt in der Regel durch durchblutungsfördernde Infusionen. Bleibt die Tinnitussymptomatik mit einem starken Leidensdruck bestehen, ist das Spektrum der medizinischen Behandlung meist auch ausgeschöpft.  Man weiß heute, dass die Heilungschancen bei chronischem Tinnitus gering sind.

Meines Erachtens ist es daher wichtig, dass die Betroffenen ausreichend aufgeklärt und darüber informiert werden, was sie selbst tun können, um ihren Tinnitus zu lindern und mit ihm zu leben und wo sie evtl. Unterstützung finden.

                                                                                                                          

Ganzheitliche Behandlungskonzepte  

Individuell ausgerichtete, psychologische Maßnahmen (wie z. B. beim TSM Konzept/ Tinnitus Coaching durch psychotherapeutische Unterstützung, körper -, bewegungs-, wahrnehmungs- und entspannungsorientierte Verfahren) können Betroffene bei der Tinnitus Linderung hilfreich unterstützen. Im Vordergrund steht die Reduzierung des individuellen Leidens und der individuellen Tinnituswahrnehmung.  

Für eine erfolgreiche Tinnitustherapie ist es förderlich, wenn die Betroffenen bereit sind, sich auf das Thema Tinnitus einzulassen,  sich zu informieren,  selbst aktiv und zum Handelnden zu werden, individuelle Wege und Ressourcen zu suchen und  ihre Selbstheilungskräfte  anzuregen. Auch wenn es bisher keine 100% wirksame Therapie oder Wundermittel gibt, die den Tinnitus wieder verschwinden lassen, so ist es heute möglich, den Tinnitus und damit verbundene  Probleme  in den Griff zu bekommen.

Meiner Meinung nach wäre es sehr wünschenswert, Tinnitusbetroffene sowohl in der Akutphase (um einer Chronifizierung entgegenzuwirken) als auch parallel zur medizinischen Behandlung (als Unterstützung bei der Tinnitus Linderung) sowie in der Nachsorge (um Erlerntes zu bewahren und zu trainieren ) mit einem ganzheitlichen, psychologischen Behandlungskonzept zu begleiten.

 

Psychische Auswirkungen 

Fühlen Betroffene sich durch die Ohrgeräusche nicht wesentlich in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt,  bezeichnet man den Tinnitus als kompensiert. Ist die Symptomatik allerdings mit psychischen Störungen verknüpft und leidet der Betroffene sowohl unter dem Tinnitus als auch an Folgeerscheinungen,  dann handelt sich es um einen dekompensierten Tinnitus (komplexer chronischer Tinnitus).

Tinnitus als zentrales Problem

Der Tinnitus kann zum zentralen Problem werden, wenn die medizinischen Maßnahmen nicht zum gewünschten Erfolg, zur Symptombeseitigung führen und der Leidensdruck hoch ist. Der Tinnitus stellt dann bei normalen Aktivitäten im Alltag oder Beruf eine große Belastung dar. Die Betroffenen machen sich große Sorgen um Ihren Gesundheitszustand und mögliche  spätere Komplikationen.  Sie fühlen sich ihrem Tinnitus (immer mehr) ausgeliefert, nachts und zunehmend auch tags, werden evtl. depressiv und ängstlich, überfordern auch oft ihre Familie und die sie behandelnden Ärzte. Soziale und berufliche Aufgaben kann der Betroffene häufig nicht mehr voll erfüllen  (à Verlust des Arbeitsplatzes), evtl. bedingt durch Konzentrationsstörungen, Folge von Schlafstörungen oder dem Gefühl des „ständig  Gestört- seins“ durch den Tinnitus. Betroffene wirken häufig gereizt und genervt, wodurch in der Familie und  im Beruf unter Umständen Konflikte entstehen können. Andrerseits können aber auch zu viel Rücksichtnahme  und Übervorsorglichkeit zu einer Zunahme der Empfindlichkeit führen . Die Geräuschbelastungen sowie die Folgeerscheinungen  können den Verlust von Selbstwertgefühl zur Folge haben und zur Entwicklung einer Depression und Angsterkrankung beitragen. 

Übermäßige  Aufmerksamkeit auf den Tinnitus und  starke Krankheitsängste können zur verstärkten Tinnituswahrnehmung beitragen und damit einen Teufelskreis in Gang setzen :  (Tinnitus) –> Stress –> Tinnitusverstärkung –> Stress –> Tinnitusverstärkung ->…., der letztendlich auch  eine  Chronifizierung fördern kann.

                                                                                                                                                                  

  Behandlungansätze und Therapie

Tinnitus stellt für viele Betroffene eine persönliche Erfahrung dar, die meist störend erlebt und die eng mit negativen, gedanklichen und gefühlsmäßigen Erleben verknüpft ist. Man kann Tinnitus somit als einen Prozess verstehen, der aus körperlichen, psychologischen und sozialen Aspekten besteht.

Und genauso individuell wie die Ursachen und Entstehungsgeschichten von Tinnitus sind, genauso individuell und ganzheitlich sollten Behandlung und Therapie sein.             

Von einer ganzheitlichen Tinnitustherapie erwartet man daher heute eine individuell ausgerichtete Unterstützung, die hilft die Unannehmlichkeiten zu reduzieren sowie konstruktiv mit dem Tinnitus umzugehen.

Ziel der psychologischen Behandlungsmaßnahmen

   Der Betroffene soll lernen mit seinem Ohrgeräusch zu leben d.h. sich an seinen Tinnitus gewöhnen (Habituation), ihn in sein Leben integrieren, ihn als nicht mehr störend empfinden.

  Verringerung der psychischen und psychosozialen Beeinträchtigungen sowie des psychischen Leidensdruckes       

   Entkoppelung der störenden Höreindrücke von emotional belastenden, inneren Konflikten, Ereignissen und Einstellungen.

   Verringerung der störenden Tinnituswahrnehmung

   Erlernen und Üben effektiver Bewältigungsstrategien

   Verbesserung des Allgemeinbefinden und der Lebensqualität

    Unterstützung bei der Suche nach einem individuellen Weg zur Linderungsmöglichkeit.  

    Motivierung zur Mitarbeit

Die meisten Tinnitusbetroffenen gewöhnen sich im Lauf der Monate/Jahre an ihre Geräusche. Die Tinnitusbelästigung verringert sich, das vegetative Nervensystem (z.B. Schlafstörung, Konzentrationsstörung) wird weniger gereizt, das Gefühlssystem wird immer weniger vom Tinnitus irritiert und dadurch wird der Tinnitus als weniger störend wahrgenommen. Der Tinnitus erfährt immer weniger Beachtung und tritt oft von alleine in den Hintergrund.

Bis dahin vergeht aber oft viel Zeit. Mit geeigneter psychologischer Aufklärung und Unterstützung könnte man evtl. lange Leidenswege verkürzen.